Anschluss Püttlingens an Frankreich

 

Vortrag von Michael Müller am 17.03.2015:

 wappen

Der Anschluss Püttlingens an die Französische Republik am 14. Februar 1793

In den vorangegangenen Vorträgen über den Streit um den Bau der Wackenmühle und den Prozess gegen Margarete Schmidt, gen. Hillen Gret, ging es auch darum nachzuweisen, dass „Kommunalpolitik“ auch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts alles andere als beschaulich bzw. idyllisch gewesen ist.

Eine besondere Bedeutung für die Entwicklung der Herrschaft Püttlingen in diesem Zeitabschnitt hatte der Bockenheimer Vertrag von 1766. Es handelte sich hier um einen Gebietstausch, eine Grenzbereinigung vor allem im Bereich der Besitzungen der Grafschaft Nassau-Saarbrücken im Raum Saarwerden. Beteiligt waren das Königreich Frankreich, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das Kloster Wadgassen und eben Nassau-Saarbrücken.

Für Püttlingen entscheidend und folgenreich war, dass König Ludwig XV. die Souveränität über die Herrschaft Püttlingen an Fürst Wilhelm Heinrich von Saarbrücken abtrat und damit Püttlingen in das Herrschaftsgebiet der Nassauer eingegliedert wurde. Grundherr in Püttlingen aber blieb Graf Christian von Wied- Runkel, was zu erheblichen Differenzen und Prozessen um die Nutzung ihrer Rechte zwischen beiden Herrschern führte. Umstritten war vor allem das Bergregal, also das Recht Steinkohle abzubauen, was schließlich dazu führte, dass Graf Christian die Herrschaft Püttlingen 1778 für 120.000 Gulden an Fürst Ludwig von Saarbrücken verkaufte.

Püttlingen war nun Meierei im Oberamt St. Johann. Die Bannvermessung von 1784-1787 und vor allem der Bau des Jagdschlösschens um 1790 durch Graf Ludwig brachten große Unruhe in die Meierei Püttlingen, denn sie bedeuteten weitere finanzielle Lasten für ihre Bewohner.

Hauptstreitpunkt aber war der Versuch Fürst Ludwigs seine neuen Untertanen wie die sonstigen Nassauischen Untertanen zu Leibeigenen zu machen, was es ihnen z.B. unmöglich gemacht hätte, sich wie bisher gerichtlich gegen unliebsame Entscheidungen der Obrigkeit zu wehren. Hier soll in diesem Zusammenhang nur auf mehrere, oft jahrelange Prozesse vor dem Reichskammergericht in Wetzlar hingewiesen werden, die die Püttlinger als „freye ohnleibeigene Untertanen“, wie es im Bannbuch Püttlingen von 1786 heißt, führen konnten.

Die Französische Revolution von 1789 brachte eine grundlegende Umgestaltung der politischen Verhältnisse. Bei der Kanonade von Valmy unterlagen völlig überraschend die verbündeten preußisch-österreichischen Truppen den Revolutionsverbänden, was Goethe zu der Feststellung veranlasste: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus.“ Im Verlauf der weiteren Kämpfe rückten die französischen Truppen im Oktober 1792 in Saarbrücken ein und das Köllertal lag damit zwischen den feindlichen Vorpostenlinien, was zu kleineren Scharmützeln führte.

Wichtiger und weittragender war dagegen das sogenannte „Befreiungsdekret“ vom November 1792, das für alle Gebiete, die von der französischen Armee beherrscht wurden, die Leibeigenschaft und die Fürstenherrschaft aufhob. Das Dekret fand überall großen Anklang, und so feierte die Bevölkerung von Rittenhofen diese Befreiung der Erzählung nach mit der Errichtung der Freiheitskastanie.

Um ihre bisherige Eigenständigkeit und ihre rechtliche Position, die sie in den letzten Jahren beharrlich gegen die Fürsten von Saarbrücken zu verteidigen suchten, endgültig zu sichern, stellte die Gemeinde Püttlingen den Antrag, in die Französische Republik aufgenommen zu werden. Am 14. Feb. 1793 wurde dann nach Antrag von Carnot die Reunion von Püttlingen im franz. Nationalkonvent vollzogen: „Die Gemeinden Kriechingen-Püttlingen, …und der deutsche Teil von Tetingen …sind mit dem Territorium der Republik vereinigt und sind Teil des Moseldepartementes.

Die Mairie Püttlingen gehörte nun zum Kanton Saarlouis, und bildete wieder – wie vor dem Verkauf 1778 an Saarbrücken – eine Enklave im bisherigen Fürstentum Saarbrücken, das zum Departement de la Sarre gehörte.

Als „pays reuni“, also „wiedervereinigtes Gebiet“ hatte die Mairie Püttlingen im Gegensatz zu den umliegenden, ehemals Saarbrücker Gebieten, die als „pays conquis“, also „erobertes Gebiet“ galten, gleiches Recht und Gesetz wie das übrige Frankreich. Dazu gehörte, dass die Grube Bauernwald, die Püttlingen in einem Prozess an Nassau-Saarbrücken verloren hatte, wieder in den Besitz der Gemeinde überging, die Grube Großwald dagegen wurde von Frankreich verwaltet.

Der Wiener Kongress von 1815 ließ Püttlingen zunächst bei Frankreich, aber im Zweiten Pariser Frieden wurde es der preußischen Rheinprovinz zugeschlagen, deren Grenzen sich wieder an denen der alten Grafschaft Saarbrücken orientierten. Obwohl Püttlingen zum damaligen Zeitpunkt größer als Völklingen war, wurde es wegen seiner Frankreichfreundlichen Haltung der Bürgermeisterei Völklingen unterstellt. Kaum hatte die preußische Grubenverwaltung die Gruben Großwald und Bauernwald übernommen, kam es zu Auseinandersetzungen wegen der Struktur der Entlohnung der Bergleute, die schließlich zum ersten Bergarbeiterstreik in Deutschland führten.

Dieser ausgeprägte Hang der Püttlinger zur Eigenständigkeit und ein gut ausgeprägtes Selbstbewusstsein machten dem Saarbrücker Landrat Dern in der Folgezeit arg zu schaffen, so dass er sie sich zu „ihren Vettern nach Lothringen“ wünschte, wo er sie dann endlich los sein würde.

Dessen ungeachtet richtete die Gemeindevertretung Püttlingen am 1. Mai 1848 eine Petition an die Nationalversammlung in Frankfurt, in der sie u.a. eine konstitutionelle Monarchie und vor allem wieder die Übernahme der Gruben in Gemeindebesitz forderte.

Scheiterte auch diese Initiative, weil die Nationalversammlung sich auflöste, war das kein Grund für die Bewohner Püttlingens nicht weiterhin für ihr Recht zu kämpfen. Als Beispiel sei hier auf die fulminante Resolution einer über 80 Personen starken Bürgerinitiative (!) um 1880 an die Preußische Bergverwaltung verwiesen, die heftig das schlechte Trinkwasser, das die Grube lieferte, kritisierte und sofortige Abhilfe verlangte – für die damalige Kaiserzeit eine erstaunlich mutige Aktion.

Das gleiche gilt auch für den Püttlinger Gemeinderat unter seinen Bürgermeistern Pickard und Dr. Matonett. Mit Geschick und Zähigkeit suchten sie die Interessen ihrer Bergbaugemeinde gegen den Machtanspruch der damals übermächtigen Königlichen Bergverwaltung und der Königlichen Eisenbahnverwaltung durchzusetzen, wenn nötig, scheuten sie auch keine gerichtlichen Auseinandersetzungen. In den meisten Fällen mit Erfolg!

Zum Schluss ist in diesem Zusammenhang noch auf ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit hinzuweisen. Bei der Verwaltungs- und Gebietsreform 1974 wurde aus dem Landkreis Saarbrücken der Stadtverband Saarbrücken geschaffen und diesem auch das Recht der Flächennutzungsplanung übertragen. Der Püttlinger Stadtrat und der damalige Bürgermeister Rudolf Müller dagegen waren der Auffassung, die Flächennutzungsplanung sei ureigenes Recht der Kommunen selbst und klagten trotz enormen politischen Drucks gegen diese Entscheidung. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte schließlich ihre Rechtsauffassung, und die Flächennutzungsplanung wurde wieder den Kommunen übertragen.

Und damit wird auch der Sinn des Satzes klar: „Et gift gurre unn schlechte Leit – und et gift Püttlinger!“